Neues Impfzentrum für Obdachlose

Andreas Schick und Julia Abler machten auf das neue Impfzentrum für Wohnungslose aufmerksam.
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Neues Impfzentrum für Obdachlose

An jedem Donnerstag impfen Ärzte in der Wärmestube Menschen ohne festen Wohnsitz

Dass er nach seiner Haftentlassung in einer solchen Zwickmühle stecken würde, hätte Benno T. nicht gedacht. Seit Monaten sucht er eine Arbeit. Sucht er eine Wohnung. Immerhin ein Problem ist nun gelöst: Benno T. wird sich in Kürze impfen lassen können. Und zwar in der Würzburger Wärmestube. Dort wurde vor kurzem ein Impfzentrum für alle wohnungslosen Menschen in Würzburg etabliert. Zu verdanken ist dies dem Würzburger Neurochirurgen Horst Poimann. Er stellt die Impfdosen zur Verfügung.

Obdachlose können nicht frei wählen, ob sie sich im Impfzentrum oder lieber bei ihrem Hausarzt gegen das Corona-Virus impfen lassen möchten. Denn es gibt ein großes Problem, erklärten Julia Abler und Andreas Schick vom Medizinischen Projekt der Wärmestube bei einem Infostand vor der Obdachlosenunterkunft in der Würzburger Sedanstraße: Man muss versichert sein. Im Impfzentrum in der Wärmestube ist das nicht nötig. Hier können sich auch Menschen impfen lassen, die, warum auch immer, gerade keinen Krankenversicherungsschutz haben. Außerdem gibt es Hilfe beim Ausfüllen des Anamnese-Fragebogens.

Die Erkenntnis, dass kranke Obdachlose Begleitung benötigen, gab den Anstoß für das Medizinische Projekt. Vor genau einem Jahr fiel der Startschuss. Noch bis November fördert das Bayerische Sozialministerium die Initiative für Menschen, die, wie Benno T., in Armut leben und krank oder von Krankheit bedroht sind. Inzwischen fand das Projekt viele Unterstützer. Nicht zuletzt Ärzte, die ehrenamtlich in der Wärmestube Dienst tun. Neurochirurg Horst Poimann ist der neueste ärztliche Kooperationspartner. "Ich habe bereite einzelne Obdachlose in meiner Praxis geimpft", sagt der Arzt. Von der Idee, in der Wärmstube ein Impfzentrum für Wohnungslose zu etablieren, war er sofort begeistert.

Das Team vom Medizinischen Projekt bewältigte seit Juli 2020 eine Vielzahl von Aufgaben. Kaum ein Tag vergeht, in dem nicht zumindest eine kleine medizinische Hilfe geleistet wird, so Abler: "Und sei es nur, dass wir Pflaster herausgeben." In letzter Zeit kamen mehrere Obdachlose mit Wunden, die lange unversorgt waren und deshalb fast zu einer Sepsis geführt hätten. Bei einem Wohnungslosen stand sogar eine Amputation des Beins im Raum. Dank der Ärzte aus der Wärmestube wurde dies gerade noch rechtzeitig verhindert. Dass es so weit kommen konnte, liegt an den extrem schwierigen Lebensumständen der Wärmestube-Gäste.

Man muss stark wie ein Baum sein, um das Leben auf der Straße auszuhalten. Die meisten Obdachlosen sind das nicht. Sondern vom Leben auf der Platte, von oft ungesunder Ernährung und häufig auch aufgrund einer Suchterkrankung geschwächt. Obdachlos zu sein, erklärt Andreas Schick, heißt für die betroffenen Männer und Frauen, täglich ums Überleben zu kämpfen. Wo bekommt man was zu essen her? Wo schläft man in der Nacht? Gesundheitliche Probleme werden zunächst ignoriert. Auch scheuen sich viele, zum Arzt zu gehen. Nicht ganz zu Unrecht, sagt Julia Abler: "Es gibt Niedergelassene, die keinen Obdachlosen in ihrem Wartezimmer haben möchten."

Über jene Ärzte, die das Medizinische Projekt mit Rat und Tat unterstützen, ist Julia Abler umso dankbarer. Dazu gehört die Würzburger Medizinerin Hanne Steinbach, die sich für die Impfaktion, die jeden Donnerstag stattfindet, engagiert. "Obdachlose und Bewohner von Einrichtungen für Wohnungslose gehören der Priorisierungsgruppe 2 an und sollten längst die Möglichkeit zur Covid 19-Impfung erhalten haben", betont sie. Hervorragend ist für Steinbach die Kooperation mit dem Team des Medizinischen Projekts. Das informiert über die Impfung, bespricht mit den Klienten den Aufklärungsbogen, nimmt Ängste und kümmert sich darum, dass die ausgemachten Impftermine eingehalten werden.

Weil fast jeder Wohnungslose eine chronische Krankheit hat, ist das Medizinische Projekt so wichtig. Viele leiden körperlich. Sie haben es mit dem Herzen. Oder auf der Lunge. Viele kämpfen mit seelischen Problemen. Sie leiden unter Depressionen. Ängsten. Oder haben eine Suchterkrankung. Das Projektteam möchte in Zukunft vor allem auch die psychotherapeutische Versorgung von Wohnungslosen verbessern.

Auch wenn Corona wohl noch längere Zeit das gesundheitliche Topthema bleiben wird, darf die seelische Not von Menschen, die auf der Straße gelandet sind, nicht aus dem Blick geraten, so Schick. Seine Idee, ein Netzwerk zur psychotherapeutischen Versorgung aufzubauen, ließe sich jedoch nur realisieren, wenn die Projektlaufzeit verlängert wird. Dafür ist weitere finanzielle Unterstützung nötig. Hierfür werben Andreas Schick und Julia Abler. Wer sich näher über das Medizinische Projekt informieren möchte, hat dazu am 3. Juli ab 10 Uhr bei einem Info-Stand am Vierröhrenbrunnen Gelegenheit.

 

BU: Andreas Schick und Julia Abler machten vor der Obdachlosenunterkunft in der Sedanstraße auf das neue Impfzentrum für Wohnungslose aufmerksam.

 

Text & Foto: Christophorus-Gesellschaft