Sie quälen sich sehr lange - Medizinisches Projekt der Würzburger Wärmestube hofft auf Verlängerung ab Juli

Im Untersuchungsraum der Wärmestube verbindet Tim Pfeuffer einen Klienten
Bildrechte: Christophorus-Gesellschaft

Sie versuchen, jedmögliche Hilfen zu gewähren: Tim Pfeuffer und Andreas Schick vom Medizinischen Projekt der Würzburger Wärmestube unterstützen arme und kranke Menschen auf ganzheitliche Weise. Das wird am Beispiel von Christian W. (Name geändert) deutlich. Tim Pfeuffer sorgte nicht nur dafür, dass der neurologisch schwer erkrankte Bewohner einer Obdachlosenunterkunft in die Klinik kam: „Wir brachten ihm auch eine Jogginghose, Unterwäsche, Zahnbürste und Zahnpasta ins Krankenhaus.“

Christian W. gehört zu jenen Menschen, die nicht einfach Geld von einem Konto abheben können, wenn sie etwas brauchen. Der Mittfünfziger ist arm. Sehr arm. Für Christian W. ist jeder Tag eine Art Überlebenskampf. „Darum kann er sich auch nicht gut um seine Gesundheit kümmern“, erläutert Tim Pfeuffer. Christian W. geht es seit langem schlecht. Ende Februar war es dann so weit, dass der Wohnungslose seine Hände kaum noch bewegen konnte: „Die einfachsten Dinge, zum Beispiel mit Messer und Gabel zu essen, waren kaum noch möglich.“ Dennoch ging Christian W. nicht zum Arzt. Er schleppte sich durch die Tage. Ließ sich manchmal von einem Kumpel helfen. Und litt.
Tim Pfeuffer ist Sozialarbeiter mit Leib und Seele. Das muss man auch sein, um im Medizinischen Projekt arbeiten zu können. Denn man bekommt hier Dinge zu sehen, die an die Nieren gehen. Pfeuffer denkt zum Beispiel an seinen im letzten Jahr verstorbenen Klienten Michael S. (Name geändert): „Der hatte Wasser in den Beinen, sein Knie war am Ende so dick wie ein Fußball.“ Tim Pfeuffer veranlasste zwei Krankenhausaufenthalte: „Beim ersten Mal ging Herr S. allerdings schon nach einem Tag wieder, er hielt es in der Klinik einfach nicht aus.“ Daraufhin verschlechterte sich sein Zustand massiv. Michael S. kam durch Vermittlung von Herrn Pfeuffer wieder in die Klinik. Diesmal gab es jedoch keine Hilfe mehr für ihn. Er starb.
Im besten Fall kann geholfen werden, bevor eine Krankheit manifest wird. Prävention ist denn auch ein integraler Bestandteil des Medizinischen Projekts. Die Bewohner der Obdachlosenunterkunft in der Sedanstraße, die vom Team wöchentlich aufgesucht werden, sowie die Gäste der Wärmestube zu einem gesünderen Lebensstil zu animieren, stellt allerdings eine Herausforderung dar. Viele Klienten trinken Alkohol und rauchen. Anders ist der Aufenthalt auf der Straße auf Dauer nicht zu ertragen. Für gesunde Ernährung ist dann kein Geld mehr vorhanden. „Manchmal geben wir aus diesem Grund Vitamine aus“, berichtet Tim Pfeuffer.
Das Medizinische Projekt ist ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen in Armut, das vor knapp zwei Jahren von der Christophorus-Gesellschaft gegründet wurde. Es ergänzt die ärztliche Sprechstunde in der Wärmestube, die es seit vielen Jahren gibt, sowie die 2003 gegründete Straßenambulanz von Bruder Tobias. Seit Juli 2020 wird das Projekt vom Bayerischen Sozialministerium gefördert. Die Förderphase läuft Ende Juni aus. Andreas Schick und Tim Pfeuffer hoffen sehr, dass es danach weitergeht. Das Projekt, sagen sie, ist unverzichtbar.
Einigermaßen betuchte Bürger können zwischen verschiedenen Optionen wählen, sind sie krank: Sie suchen einen Haus- oder Facharzt auf, wenden sich an einen Homöopathen oder kaufen sich in der Apotheke ein Mittel, das Linderung verspricht. Die Klienten aus dem Medizinischen Projekt haben diese Möglichkeit nicht. Sie müssen jeden Tag schauen, dass sie irgendetwas zu essen bekommen. Dass sie einen Schlafplatz haben. Selbst starke Schmerzen werden ausgehalten. Wochen-, wenn nicht gar monatelang. Vor allem aufgrund von Depressionen oder anderen psychischen Leiden, die bei den allermeisten Klienten noch hinzu kommen, finden sie nicht die Kraft, sich Hilfe zu holen.
Auf der Straße zu leben und gesund zu bleiben, dazu gehört eine große Portion Glück. Andreas Schick und Tim Pfeuffer kennen nur wenige Obdachlose, die dieses Glück haben. Die allermeisten stecken in tiefen Lebenskrisen. Sie leiden an massiven Ängsten. Kämpfen mit Süchten. Oder müssen mit so schweren Erkrankungen wie einer Schizophrenie fertigwerden.
Das Medizinische Projekt, so die Quintessenz aller bisherigen Erfahrungen, sorgt zumindest für etwas mehr Gerechtigkeit in puncto Gesundheit. „Wir erinnern unsere Klienten zum Beispiel immer wieder daran, dass sie ihre Medikamente einnehmen müssen“, schildert Schick. Christian W. hatte es dem Medizinischen Projekt zu verdanken, dass er krankenversichert blieb. „Sein Arbeitslosengeld 2 drohte auszulaufen, als er im Krankenhaus war“, schildert Tim Pfeuffer. Der Sozialarbeiter brachte den Antrag in die Klinik. Ließ Christian W unterschreiben. Füllte den Rest selbst aus. Gab den Antrag ab. Und sorgte so dafür, dass der Versicherungsschutz weiterlief.

(Christophorus-Gesellschaft)