Christophorus Gesellschaft zu gesunkenen Kurzzeitübernachtungen

Michael Thiergärtner überreicht einem neu ankommenden Gast der Kurzzeitübernachtung eine Maske.
Bildrechte: Christophorus-Gesellschaft

Wo sind die Tippelbrüder hin? Die Zahlen bei der Kurzzeitübernachtung brachen durch Corona massiv ein

Michael Thiergärtner muss sich gerade mit einem Problem befassen, das so noch nie dagewesen war. "Bei uns sind die Zahlen massiv eingebrochen", sagt der Leiter der Würzburger Kurzzeitübernachtung (KZÜ). Vor Corona wurde die KZÜ bis zu 3.100 Mal im Jahr genutzt: "Im erstem Halbjahr 2021 hatten wir gerade mal 800 Übernachtungen." Aufs Jahr hochgerechnet bedeutet dies fast eine Halbierung. "Wo sind die Durchreisenden geblieben?", fragt sich der Mitarbeiter der Würzburger Christophorus-Gesellschaft.

Obdachlosigkeit, das ist für Thiergärtner eine nicht anzuzweifelnde Tatsache, gehört zu den schlimmsten Schicksalen, die ein Mensch hierzulande erleben kann. Es bedeutet, keinen geschützten Rückzugsraum mehr zu haben. Arm zu sein. Ein Ausgegrenzter. In der Pandemie potenzierten sich die Probleme. Viele Ablaufstellen hatten dicht. Oder schwer zu erfüllende Aufnahmekriterien. Vielleicht, vermutet Michael Thiergärtner, war das jenen Menschen, die bisher von Stadt zu Stadt gezogen sind, zu viel: "Es kann sein, dass sie sich, obwohl sie das bisher nicht gewollt haben, irgendwo festsetzten." Doch wo die "Stammkunden" der KZÜ abgeblieben sind, kann der Sozialpädagoge nicht sagen.

Auch wenn sie oft mit jedem Cent knapsen müssen, auch wenn sie Outsider sind und meist nicht wissen, wo sie am Abend schlafen werden, wollten viele „Tippelbrüder“ bisher ihre Freiheit nicht aufgeben. Auf der Straße zu leben hat, bei allen Nachteilen, zum Beispiel den Vorteil, dass man nicht „greifbar“ ist. Doch die Vorteile schwanden durch die Pandemie, so Thiergärtner: "Es fielen zum Beispiel Möglichkeiten weg, auf Toilette zu gehen.“ Auch sind Behörden nur schwer erreichbar. Michael Thiergärtner, der zugleich die Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose (ZBS) der Christophorus-Gesellschaft leitet, muss deshalb derzeit stundenlang Anträge mit den Klienten ausfüllen.

Dass Menschen, die sonst zahlreiche Male im Jahr in der KZÜ übernachtet haben, plötzlich verschwunden sind, wirft nicht nur die Frage auf, wo sie gerade stecken. Es bringt die Einrichtung auch finanziell in die Bredouille. Von der Stadt Würzburg werden nur die konkreten Übernachtungen refinanziert. Halb so viele Übernachtungen bedeuten halb so viele Einnahmen, so Thiergärtner: "Bei etwa gleichen Fixkosten." Etwa für Personal. Aus diesem Grund beantragt die Christophorus-Gesellschaft gerade Überbrückungshilfe. Als Problem kommt hinzu, dass es sich bei jenen Menschen, die aktuell in der KZÜ übernachten, oft um Männer in extrem schwierigen Lebenslagen handelt.

Einige Übernachtungsgäste sind derartig belastet, dass es für stationäre Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe nicht möglich ist, sie aufzunehmen. Hugo S. zum Beispiel, der erst neulich wieder über Nacht in der KZÜ war, fühlt sich seit vielen Jahren verfolgt. Sein Verfolgungswahn trieb ihn sogar schon ins Ausland. Wo er jedoch keine Ruhe fand: "So kam er zurück." Wahrscheinlich könnte man dem Mann in einer psychiatrischen Klinik helfen. Doch das will Hugo S. auf keinen Fall. Eine Zwangseinweisung schließt sich ebenfalls aus: "Denn er gefährdet weder sich noch andere." So lebt Hugo S. weiter in seinem Wahn. Er leidet. Ist jedoch auch für sein Umfeld schwer zu ertragen.

In Thiergärtners Beratungsstelle sind Obdachlose jederzeit willkommen, wann immer sie das Bedürfnis haben, über ihre Problematik zu sprechen. Unverzichtbar ist die Anlaufstelle vor allem aber deshalb, weil Menschen ohne festen Wohnsitz hier ihren Tagessatz ausbezahlt bekommen. Dabei handelt es sich um jenen Betrag, den Obdachlose für die Sicherung ihrer Existenz erhalten. Jeder KZÜ-Gast kommt am Morgen, bevor er wieder weiterzieht, zu Michael Thiergärtner und seinen Kollegen, um sich sein Geld für den Tag auszahlen zu lassen. Für den Sozialarbeiter ist das immer eine gute Gelegenheit, mit den Klienten über künftige Perspektiven zu sprechen.

Während sich die einen nur schwer entschließen können, sesshaft zu werden, weil sie ihre Freiheit nicht aufgeben möchten, verlangt es andere sehr, wieder ein normales Leben zu führen. So war das bei Ansgar P., der im Mai erstmals in der KZÜ auftauchte. Ansgar P. ist erst 21 Jahre alt. Bis vor kurzem arbeitete er als Servicekraft in einer sozialen Einrichtung. Sein Arbeitgeber verlangte ein Führungszeugnis. Das hätte er aber nur bekommen, wäre er bei der Stadt gemeldet gewesen. Doch das war Ansgar P. nicht, weil sein Vermieter ihm nie eine Mietbescheinigung ausgestellt hatte. So verlor der junge Mann seinen Job. Kurz darauf die Wohnung. Dann landete er auf der Straße.

Anders als Hugo S. ist Ansgar P. imstande, in Vollzeit zu arbeiten und selbstständig zu wohnen. Nur durch eine Verkettung unglücklicher Umstände geriet er in seine prekäre Lebenssituation. Michael Thiergärtner eröffnete dem jungen Mann eine neue Chance: "Er zog vor kurzem in unser Betreutes Wohnen ein." Knapp 30 Wohnungen hat die Christophorus-Gesellschaft für Wohnungslose und Strafentlassene angemietet. Hier können sie sich, sozial betreut, stabilisieren. Und ein neues Leben aufbauen.

Obdachlose können sich freiwillig für das Angebot melden. Vielen gelingt es dadurch wieder, beruflich und gesellschaftlich Fuß zu fassen. Auch für Ansgar P. war das Betreute Wohnen ein großes Glück. Es gelang ihm sehr bald nach seinem Einzug, einen neuen Arbeitgeber zu finden: "Ab August hat er wieder einen Job."

(Christophorus-Gesellschaft)